
ich darf nicht vergessen, nichts vergessen. deswegen sitz ich an einer raststätte in einem glühenden roten kleinwagen, mit einer schweißschicht, die das gesicht vollständig überglänzt. ich darf nichts vergessen, kein einziges detail - alles scheint so wichtig zu sein. nicht die teile - doch, die teile auch - aber dieser faden, der einen durch eine art süßduftenden sumpf zieht - die zeit.
meine schrift wird kraklig, obwohl ich ruhig hier sitzen kann. [bewegung wäre auch tödlich. jugendlicher ertrinkt im eigenen saft. und als die beamten die tür öffnen, läuft eine lache modriger, halbviskoser masse über die heißen steine.]
verzweifelt sitze ich da und brenne negative in meine kopfhaut. es fühlt sich an, als hätte ein vermummter, milchbärtiger terrorist einen sprengkopf auf meinen hals gelötet.
nur nichts vergessen. keine eminenz, und keine pappfassade.
auf dem weg nach hause, in einem roten golf mit drei frischgepressten und -gestempelten studenten. es war heiß, draußen legte petrus zuckerwatte auf seinen plattenteller und die windmühlen freuten sich, denn sie hatten arbeit. arbeit ist wichtig.
der verkleidete junge hatte kein bedürfnis mehr, große kunst zu sein. er wollte sich nur die haare schneiden und ein bisschen so tun, als könne er später seinen enkeln eine biografie hinlegen. damit sie dann nicht sagen könnten, er habe keinen grund, immer nur an früher zu denken.
eigentlich wusste er ziemlich genau, dass er nie irgendeine berufung haben würde. das wissen alle, die später trotzdem so tun als ob. es störte ihn nicht, und er sah aus dem offenen autofenster der frühlingsmaschine dabei zu, wie sie eingefallene brüste wieder in blühende rapsfelder verwandelte. massenweise zerplatzte insekten klebten auf der windschutzscheibe und versuchten, auch dazuzugehören. natürlich gelang es ihnen nicht.
es wird trotzdem schreibbedarf geben, sagte er sich. ihm war egal, ob ein wirklicher drang oder ein erlernter reflex dafür die ursache war.
ich habe autos nie gemocht. ich mochte nicht, wie sie steingesichter produzierten und lange würmer aus blech und ampeln. ich mochte nicht, wie sie versuchten, nett auszusehen und sich das auge einzuschleichen, nur um nase und ohren zu betäuben.
aber auf der autobahn durch fremde städte zu fahren, die aussehen wie stinkmorcheln oder spielwiesen riesiger skateboarder; zu fahren und die leitplanken immer paralleler werden zu sehen - bald ist es egal, ob man nach hause fährt oder nie ankommt.
seine enkel. so ein dreck. wer schreibt denn bitte für seine familie. es ging nur um ihn, und um ein paar alte stricke, die sich nach überall hin zogen und die irgendwann vermodern würden.
er dachte an gestern. gestern hatte er noch milchzähne gehabt. es war ein kurzer tag gewesen, denn mit auch mit gesellschaftlich anerkannten drogen kann man sich in jeder stadt zu hause fühlen. wenn man den geldgestank für ein paar stunden vergisst.
er hatte zum ersten mal das bedürfnis gehabt, abzubilden. festzuhalten, die worte und die bilder. er wollte aus seiner erinnerung eine sprechende plastik formen, die periodisch um sich selbst rotiert. er schloss die augen, zerschlug den blinkenden alarmknopf, neben dem das wort >deutschland< stand, und wollte ein gedächtnis kaufen. ja, er wollte ein gedächtnis kaufen, aber die friedhöfe waren leer und die köpfe der lebenden angeschimmelt.
>in dieser zeit hab ich am intensivsten gelebt; eine sternklare mondnacht auf den hügeln am rheinufer<, sprach eine stimme, und eine andere sagte >von der welt weiß ich nichts, ich weiß höchstens was von mir.<
seine augen waren leicht gereizt, denn die zeit der fliegenden pollen hatte begonnen. wenn er wieder dort sein würde, wo er hergekommen war, in einer überdachten halle voller spielzeug, mit einem spielzeugfluss und lebensmittelfarben, dann würde er sofort anfangen zu leben. es ist ein angenehmer gedanke, dass man sich an brennenden zukunftsplänen wenigstens wärmen kann.
er fühlte sich ein bisschen wie rumpelstilzchen.