måndag, april 30, 2007

tagmond


vielleicht war es ein trauriger morgen zwischen halbvollen aschenbechern, vielleicht auch ein verschwitzter frühnachmittag in den kreischenden schluchten aus glas und beton. ich dachte und machte damit alles kaputt.

eins der seltsamsten gefühle, die ich je hatte. es ist, als ob mich jemand als fremdkörper in eine torte aus wahrheit gesteckt. ich klebe in ihr drin - nein, ich fahr durch sie hindurch, sitze in einer schlange aus licht und weiß jetzt, dass es nicht unbedingt etwas schlechtes ist, von magensäften zersetzt zu werden.

ich glaub einfach nicht, dass das alles ein schauspiel gewesen sein soll. blicke und tränen, träume auf bänder gepresst?

nur die töne holen alles zurück. die englischen vorstädte, die wiesen und die straßenschilder, die in der freundschaft glitzern. hoffentlich bleibt wenigstens was von den flauschigen weihnachtbäumen übrig, aus denen man später kastanienmännchen baut.

lördag, april 28, 2007

missverstehen


>rasierte augenbrauen sollen es sein!<, sagte die frau des pharaos mit entschlossener stimme, sodass nur ein haselnussgroßer zweifel an ihrer entschiedenheit aufkommen konnte. er setzte sich genau in das linke auge des routinierten frisörs. >nun denn. die pharaöse kann gut reden, ich kann gut schneiden<, dachte er. und während die quellwolken vom vormittag langsam richtung sinai zogen, verlor die heilige frau, was sie jahrelang so emsig gepflegt. einmal hatte sie wochen damit verbracht, ihre härchen mit ziegenkot zu düngen. bis ihr mann sie dabei erwischte und sie in einer kleinen pyramide im oberen nildelta aussetzte, um zu prüfen, ob sie auch nützliche sachen kann, zum beispiel alleine-nach-hause-kommen oder so. und er war überrascht, als sie schon am nächsten tag wieder in den palast einritt. dabei war ihr trick ganz billig gewesen; sie hatte sich als gottheit verkleidet und sich einen überdimensionalen falkenkopf aufgesetzt, sodass die leute ihr alles mögliche opferten. schweine, dinkelbrote, mittlere grabräubereien und fahrräder. natürlich schnappte sie sich sofort ein unauffälliges diamant-modell und fuhr nach hause. dort bestrafte sie ihren rigorosen gatten mit dem, was sie gern >die waffen einer frau<>rasierte augenbrauen sollen es sein!<

denn wer einmal aus dem dingsnapf frisst.

måndag, april 23, 2007

no mentira


es brennt schon wieder in paris. paris brennt sehr gut, solang ich nicht dort bin.

söndag, april 22, 2007

die klippen unserer freundschaft


sonntagnachmittag im zwitschernden frühling. ein kleiner junge im kostüm versteckt sich auf einem steinhaufen des verwilderten bahndamms in der vorstadt. der kleine junge bin ich, und eigentlich hasse ich es, von mir in der dritten person zu schreiben, nur weil es sich besser anfühlt und weniger nach tagebuch klingt. aber dieses >ich< ist mittlerweile so befleckt und ausgeleiert; es es sträubt sich einfach dagegen, sorgenlos auf einem steinhaufen zu sitzen dabei zuzusehen, wie die gelbe kugel langsam zwischen die fabrikhallen fällt.

dieses ich fühlt sich nirgends mehr wohl außer in halbbelichteten neonwelten, die hinter rechteckigen türen und viel arbeitsspeicher liegen. dieses ich ist nirgends zuhause als in den armen der vermenschlichten perle.

aber der kleine junge sitzt immer noch im sanften wind auf seinem lieblingsplatz. so viele pflanzen kann sich ein stadtkind nicht vorstellen. früher ist er nur in die halle mit den hängenden seilen gegangen, weil er dabei der schönheit begegnen konnte, die sich als grünes gefieder aus dem boden herausschlang und all das, was der junge sonst als erbrochenes des wohlstands empfand, in eine art paradies für blinde jungen verwandelte. er konnte nicht anders als die speckigglatten begriffe der bärtigen alten wieder auszugraben. er saß da und war zuhause. er dachte keinen buchstaben richtung norden, und das lag nicht nur am thermischen gleichgewicht.

ich frag mich manchmal, wenn der junge und ich zusammen in der bahn sitzen, wer von uns am ende übrig bleibt.

onsdag, april 18, 2007

hauptsache nicht jung


I

  1. wird die musik leiser, werden die farben lauter, das ist zwangsläufig so. und umgekehrt.
  2. nach ein paar kläglichen versuchen, buddha zu spielen, stürzte das lederne kind in eine lohgerbergrube. es hatte wohl vergessen, noch ein paar gefühlsknöpfe abzuschalten.
  3. es wollte doch nur nach draußen sehen.
  4. nur nach draußen sehen, mehr nicht. ein bisschen licht, ein bisschen abwechslung.
  5. natürlich war das ein fehler gewesen, einer der größten, die man machen kann. messer, gabel, schere, licht
  6. sind für kleine kinder nicht.
  7. nun schwamm das kind da in der grube, und seine haut war schon ganz teigig geworden. ein paar mikrofalten bauten eine pioniereisenbahn für spätere tränen.
  8. auch die musik hatte jetzt aufgehört, ganz ohne bonuslied und b-seite. jemand schoss hochenergetische photonenbündel durch die fenster. die farben werden lauter, dachte das kind. ohne musik werden die farben lauter.
  9. und obwohl es die geschichte der menschen noch nicht kannte, dachte es an die leichen von wofgang borchert und der frau von helmut kohl.
  10. und an fiese photonenbündel.
II
  1. draußen war es wider erwarten dunkel geworden. das kind dachte einen kurzen moment, dass es vielleicht so etwas wie glück geben konnte. es stieg aus der grube und
  2. es zerbrach die stifte. einzeln. nur um das knacken zu hören.
  3. es setzte sich wieder an den beckenrand. es sah den fischen zu, wie sie sich durch die stinkenden späne kämpften und versuchte zu lächeln.
  4. es ging nicht.
  5. das kind betastete seine neuen falten. sie fühlten sich schon krokodilisch an, so ledern waren sie. das kind freute sich und lächelte. im mittelalter wäre es vielleicht mönch geworden, oder nonne.
  6. hauptsache, nicht jung.
  7. zumindest innen.

söndag, april 15, 2007

danach-tage


ich darf nicht vergessen, nichts vergessen. deswegen sitz ich an einer raststätte in einem glühenden roten kleinwagen, mit einer schweißschicht, die das gesicht vollständig überglänzt. ich darf nichts vergessen, kein einziges detail - alles scheint so wichtig zu sein. nicht die teile - doch, die teile auch - aber dieser faden, der einen durch eine art süßduftenden sumpf zieht - die zeit.

meine schrift wird kraklig, obwohl ich ruhig hier sitzen kann. [bewegung wäre auch tödlich. jugendlicher ertrinkt im eigenen saft. und als die beamten die tür öffnen, läuft eine lache modriger, halbviskoser masse über die heißen steine.]
verzweifelt sitze ich da und brenne negative in meine kopfhaut. es fühlt sich an, als hätte ein vermummter, milchbärtiger terrorist einen sprengkopf auf meinen hals gelötet.
nur nichts vergessen. keine eminenz, und keine pappfassade.

auf dem weg nach hause, in einem roten golf mit drei frischgepressten und -gestempelten studenten. es war heiß, draußen legte petrus zuckerwatte auf seinen plattenteller und die windmühlen freuten sich, denn sie hatten arbeit. arbeit ist wichtig.
der verkleidete junge hatte kein bedürfnis mehr, große kunst zu sein. er wollte sich nur die haare schneiden und ein bisschen so tun, als könne er später seinen enkeln eine biografie hinlegen. damit sie dann nicht sagen könnten, er habe keinen grund, immer nur an früher zu denken.

eigentlich wusste er ziemlich genau, dass er nie irgendeine berufung haben würde. das wissen alle, die später trotzdem so tun als ob. es störte ihn nicht, und er sah aus dem offenen autofenster der frühlingsmaschine dabei zu, wie sie eingefallene brüste wieder in blühende rapsfelder verwandelte. massenweise zerplatzte insekten klebten auf der windschutzscheibe und versuchten, auch dazuzugehören. natürlich gelang es ihnen nicht.
es wird trotzdem schreibbedarf geben, sagte er sich. ihm war egal, ob ein wirklicher drang oder ein erlernter reflex dafür die ursache war.

ich habe autos nie gemocht. ich mochte nicht, wie sie steingesichter produzierten und lange würmer aus blech und ampeln. ich mochte nicht, wie sie versuchten, nett auszusehen und sich das auge einzuschleichen, nur um nase und ohren zu betäuben.
aber auf der autobahn durch fremde städte zu fahren, die aussehen wie stinkmorcheln oder spielwiesen riesiger skateboarder; zu fahren und die leitplanken immer paralleler werden zu sehen - bald ist es egal, ob man nach hause fährt oder nie ankommt.

seine enkel. so ein dreck. wer schreibt denn bitte für seine familie. es ging nur um ihn, und um ein paar alte stricke, die sich nach überall hin zogen und die irgendwann vermodern würden.
er dachte an gestern. gestern hatte er noch milchzähne gehabt. es war ein kurzer tag gewesen, denn mit auch mit gesellschaftlich anerkannten drogen kann man sich in jeder stadt zu hause fühlen. wenn man den geldgestank für ein paar stunden vergisst.

er hatte zum ersten mal das bedürfnis gehabt, abzubilden. festzuhalten, die worte und die bilder. er wollte aus seiner erinnerung eine sprechende plastik formen, die periodisch um sich selbst rotiert. er schloss die augen, zerschlug den blinkenden alarmknopf, neben dem das wort >deutschland< stand, und wollte ein gedächtnis kaufen. ja, er wollte ein gedächtnis kaufen, aber die friedhöfe waren leer und die köpfe der lebenden angeschimmelt.

>in dieser zeit hab ich am intensivsten gelebt; eine sternklare mondnacht auf den hügeln am rheinufer<, sprach eine stimme, und eine andere sagte >von der welt weiß ich nichts, ich weiß höchstens was von mir.<

seine augen waren leicht gereizt, denn die zeit der fliegenden pollen hatte begonnen. wenn er wieder dort sein würde, wo er hergekommen war, in einer überdachten halle voller spielzeug, mit einem spielzeugfluss und lebensmittelfarben, dann würde er sofort anfangen zu leben. es ist ein angenehmer gedanke, dass man sich an brennenden zukunftsplänen wenigstens wärmen kann.
er fühlte sich ein bisschen wie rumpelstilzchen.

söndag, april 08, 2007

jahrhunderte können nicht sprechen, aber


heinrich heine sagt: >seit ich nicht mehr an deutschland denke, geht das mit dem schlaf auch wieder besser.<

torsdag, april 05, 2007

wenn man übt, profan zu sein


hauptbahnhof, unter den brücken, 17 uhr. schon fünf minuten bevor der regionalbus ins erzgebirge abfährt, steht eine horde militanter rentner in lauerstellung an der sonnigen haltestelle. den blick starr nach links gerichtet, verkrampfen sich die rostigen hände um aufpolierte krückstöcke und gemusterte taschentücher, und die brillengläser scheinen in ihrer goldenen fassung immer größer zu werden. fensterplatz-aggro.
einmal innen im gelobten gefährt angekommen, suchen sie möglichst schnell eine entspannte miene aufzusetzen und die neueinsteigenden mit unverhohlenen prüfblicken zu bewerfen. manche holen dazu noch ein extra vom nächtlichen hungermunde abgespartes eukalyptusbonbon aus dem mantel, und während sie schal und mütze ablegen [so eine, die aussieht wie der grüne rest einer erdbeere, nur in beige], spitzen sie gemütlich den mund lutschen an ihrer taschenbeute.
die busse im regionalverkehr sind im prinzip nur umfunktionierte reisebusse. wenn man einsteigt, seine monatskarte vor die brust hält und durch die schmale gasse laufen muss, ergibt man sich still den erwartenden augen und komplettiert das schaulaufen, indem man flüchtig nach netten gesichtern und frühligshaften landschönheiten ausschau hält.
ein bisschen traurig ist das schon.